Ein Dorf im Wandel der Zeit
Von Karin Loibl - 2007
 
Am 5. Mai wurde ich fünfzig Jahre alt. Während den Vorbereitungen zu meiner Geburtstagsfeier wanderten meine Gedanken immer öfter zurück in die Vergangenheit.
Was ist alles passiert in den Jahren!
In meiner Einladung steht in einem Satz: Erinnernd blicke ich zurück, auf tief erlebtes, großes Glück und an des Schicksals Hiebe. Es stimmt. Viel erlebt habe ich in den fünfzig Jahren. Vielleicht sollte ich, wie heute üblich, meine Erinnerungen niederschreiben. Nach kurzer Zeit des Überlegens fand ich meine Idee gut. Ich suchte mir ein ruhiges Plätzchen (ist immer nicht so leicht in unserem Haus) und ließ meine Gedanken schweifen. Damit es mir leichter fiel, nahm ich einen Stapel alter Bilder, die ich aus unzähligen Kisten herausgesucht hatte. Das erste Bild war eine Aufnahme von Weihnachten. Ach, Weihnachten. Für uns Zuhause war die Advents- und Weihnachtszeit die schönste und wichtigste im Jahr. Die besinnlichen Abende mit Tee und Weihnachtsgebäck, die nur durch das üben der Blockflöte getrübt wurden, werde ich nicht vergessen. Mehr wie einmal war ein falscher Ton beim Spielen dabei. Doch immer wieder mussten meine zwei Schwestern und ich das Lied wiederholen. Übung macht den Meister, sagte Mutter immer. Schließlich sollten wir an Heiligabend für das Christkind besonders gut spielen. Gelockt hatte uns nicht das Christkind, sondern die leckeren Plätzchen, die wir als Belohnung bekamen.
 
Meine Familie
 
Meine Familie bedeutete mir schon immer sehr viel. Kummer, Sorgen und Leid sind leichter zu tragen, wenn man sie mit anderen teilen kann. Es war eine schöne Zeit. Drei Generationen unter einem Dach. Meine Großmutter, meine Eltern und wir drei Schwestern. Dieses Familienleben ist sehr selten geworden. Ich war die Jüngste von uns Dreien. Da hat man es nicht immer leicht! Doch damals wie heute besaß ich ein gutes Durchsetzungsvermögen.
Nachdem die Weintrauben gelesen, der Garten winterfertig, das Kraut und die Kartoffeln im Keller eingelagert waren, die Gläser voll gefüllt mit Bohnen, Rote Beete, Marmelade und Obst fing die ruhige Zeit bei uns zu Hause an. Fast täglich besuchte uns die Schwester meiner Großmutter. Bei Pfefferminztee und selbst gebackenen Plätzchen wurden so allerhand Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählt, Kochrezepte getauscht und natürlich der neueste Dorfklatsch ausführlich ausgebreitet. Dabei wurde gehäkelt, gestrickt oder gestickt. Für mich war es die beste Zeit im Jahr. Es gab immer etwas Neues und Interessantes zu hören (ich glaube, meine Ohren waren oft so groß wie Rhabarberblätter). Aber ohne Fleiß keinen Preis. Um in diesen Kreisen aufgenommen zu werden, musste man Handarbeiten können. Zu was doch eine gesunde Portion Neugier gut ist! Schon früh konnte ich Topflappen häkeln. Aber es gab auch eine Abmachung in dieser fröhlichen Runde, die ich später meiner Tochter beibrachte: Was im Haus gesprochen wird, bleibt im Haus. Viele dieser Lebensweisheiten beherzige ich immer noch und gebe sie weiter.
Meine Mutter war meine beste Freundin. Auf der einen Seite sehr konservativ, war sie doch für diese Zeit sehr modern eingestellt. Alles konnte man mit ihr besprechen. Unstimmigkeiten unter uns Geschwister oder mit Freunden, schlechten Schulnoten, der erste Liebeskummer. Immer hatte Mutter ein Ohr und einen guten Ratschlag für uns Kinder. Die Rolle meines Vaters war die zur damaligen Zeit übliche. Er verdiente das Geld, bekam das größte Stück Fleisch (was ich sehr bedauerte) und achtete darauf, dass seine Töchter einen soliden Lebenswandel führen. Er lernte uns den Wiener Walzer. Ach was konnte er so gut tanzen! Am Samstagabend wurde unsere Küche zum Tanzsaal. Der Tisch kam auf die Seite und mein Vater tanzte mit all seinen Frauen.
Das Fernsehen spielte für die Menschen noch keine so große Rolle (unser Schwarz-Weiß-Fernseher war alt und hatte nur das erste Programm) und das Computerzeitalter hatte noch nicht begonnen. Wichtig waren das gute Auskommen mit den Nachbarn und die durchgeführte Nachbarschaftshilfe. Im Sommer spielten wir Kinder am liebsten Federball. Und wenn der Eismann kam, durften wir uns ab und zu für zehn oder zwanzig Pfennig ein Eis kaufen. Unsere Tage verbrachten wir mit Versteckspiel beim Nachbarn (er hatte eine wunderbare, große Scheune), dem Rumstromern in den Weinbergen und in den noch vorhandenen Gartenanlagen.
Im Winter stellte uns das Schlittenfahren (es gab noch reichlich Schnee) in den Hohlen vor die größten Herausforderungen. Wer hängt die meisten Schlitten aneinander und kommt dabei noch heil unten an. Müde, mit kalten und steif gefrorenen Händen und Füßen sind wir dann glücklich am Abend nach Hause gezogen. Mit neun Jahren sah meine Tochter (22 Jahre) zum ersten Mal richtig Schnee in unserem Urlaubsort.
Mein Geburtsort Mettenheim – Wie hast du dich verändert! Von 750 Einwohnern bist du um das Doppelte gewachsen. Wo früher Felder und Gärten waren, stehen heute Häuser. Man fährt nicht mehr mit Pferd und Wagen oder kleinen Traktoren in die Weinberge und aufs Feld, sondern moderne und große Landmaschinen erledigen die Arbeit. Früher hatte fast jeder Bewohner von Mettenheim einen kleinen Weinberg oder einen Spargelacker. Damit wurde die Haushaltskasse aufgefüllt. Heute sind die meisten Weinberge und Äcker verpachtet. Ständig sinkende Preise für Wein und landwirtschaftliche Erzeugnisse machten den weiteren Anbau für die Feierabendwinzer und Landwirte uninteressant.
Die Arbeit auf den Feldern oder im Garten war die Freizeitbeschäftigung der Menschen. Somit sparte man Geld, der Keller war voll und die Muskeln durchtrainiert.
 
Sie sitzen im Hof, bei einer Familienfeier in ihrem kleinen Häuschen im Dorfgraben. Die Erinnerung an das kleine Haus mit dem großen Fliederbaum im Hof, dem kleinen Garten und dem Plumpsklo bleiben uns Kinder ewig in Erinnerung. Einmal in der Woche hatten wir eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Wir mussten Zeitungen in kleine Stücke schneiden und mit einer Kordel durchziehen. Unsere Urgroßmutter (Omamutter) und später die Tante achteten sehr darauf, dass die Zeitungsstücke nicht so groß waren. Schließlich musste gespart werden! Besuchte man Klohäuschen konnte man noch mal schnell die Neuigkeiten lesen, vielleicht hat man etwas übersehen. Dann konnte das Zeitungsstück seinen vorgeschriebenen weg gehen. Heute undenkbar, doch für die damalige Zeit nichts Besonderes. Das Häuschen meiner Großeltern gibt es nicht mehr und der Dorfgraben ist kein Graben, sondern eine geteerte Straße.
Beim täglichen Milchholen musste ich immer am Garten von Ernst Muth vorbei. Der Bestand an großen, alten Bäumen, die wenig Licht durch die Blätter ließen, und der Pavillon aus verschiedenen Baumästen lud zum Träumen ein. Als Prinzessin in einem schönen Kleid sah ich mich im Pavillon sitzend auf meinen Prinzen warten. Doch Träume sind Schäume. Der Prinz kam nicht und der Garten musste einer neuen, modernen Lagerhalle weichen.
Damals gab es noch eine reichliche Viehhaltung in unserem Ort. Heute gibt es nur noch einen Biolandwirt mit einem Ochsen – und Schweinezucht. Nur die Pferde und die Kleintierhaltung haben in den letzten Jahren zugenommen. Schön, so wissen die Kinder nicht nur aus dem Fernsehen, wie eine Ziege, eine Gans oder ein Esel aussieht. Dank sei unseren aktiven Tierschützern.
Auch der Platz des heutigen Sportplatzes war eine kleine Gartenkolonie. Gerne sind wir als Kinder dort umhergestreift und haben von den reifen Früchten genascht. Die Ludwig-Uhland-Straße und ein Teil der Schillerstraße waren Obstanlagen. Kein Baum war uns zu hoch. Es war herrlich sich den Bauch voll zuschlagen. Doch wie Jeder weiß, allzu viel ist ungesund!
 
In den Siebziger Jahren gab es noch drei Lebensmittelgeschäfte, eine Bäckerei, eine Metzgerei, zwei Gaststätten, eine Post, ein Malergeschäft, zwei Schreinereien, ein Frisör, eine Küferei, ein Elektriker, eine Schlosserei mit Landmaschinenhandel, eine kleine Gärtnerei und ein Tanzsaal.
Durch den eigenen Anbau im Garten, der Kleintierhaltung und den Lebensmittelgeschäften war die Dorfbevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Ich erinnere mich noch, dass ich Mehr, Zucker, Salz Portionsweise in braunen, spitzen Papiertüten einkaufte. Sogar Reiszwecke wurden in Stückzahl abgegeben.
Beim Kauf von Briefmarken konnte man gleichzeitig noch Reis und Butter einpacken lassen. Kurz bevor Familie Schuckmann/Janneck ihr 100-jähriges Familienjubiläum feiern konnte, wurde die Postfiliale geschlossen.
Gerne erinnere ich mich an unsere alte Bäckerei Balder. Es gab bei uns nur samstags Brötchen. Freiwillig holte ich das Brot und die Weck (Ausdruck für Brötchen) bei Balders. Dafür musste ich schon früh von uns zu Hause loslaufen. Doch es machte mir nichts aus, denn oft gab es einen netten Plausch mit Bäcker Balder und manchmal auch ein frisches Hörnchen. Mache ich die Augen zu, schmecke ich heute noch die Brötchen. Es gab zur damaligen Zeit nur Brot, Brötchen, Hefeteilchen und Hefekuchen am Wochenende. Im Mai 1963 gab es eine Revolution in Mettenheim was Backwaren betraf. Es eröffnete noch eine Bäckerei. Von nun an gab es täglich Kuchen und verschiedene Teilchen in der Bäckerei Gröhl. Wir Kinder fanden es toll, dass wir für zehn oder zwanzig Pfennig verschiedene Bonbons aussuchen konnten. Ich glaube, dass wir manchmal die Nerven unserer Bäckersfrau arg strapazierten, denn es konnte schon eine Weile dauern, bis die richtige Wahl getroffen war. Heute gib es nur noch eine Filiale der Bäckerei Tempel, die zu unterschiedlichen Zeiten geöffnet hat. Das Einkaufen in der Metzgerei war bei uns Kindern immer sehr begehrt. Da gab es kein Murren und Knurren. Gerne ging ich auch noch für Nachbarn oder Bekannte einkaufen. Kein Weg war so weit, auch Regen und Kälte machten nichts aus, denn für uns Kinder gab es immer ein Stück Fleischwurst. Vielleicht habe ich einen guten Werbeslogan: Ich laufe meilenweit für Weißbachs Fleischwurst. Aus der einfachen Landmetzgerei entwickelte sich ein moderner Betrieb mit Partyservice, in dem man Tradition pflegt. So gibt es immer noch für Kinder ein Stück Fleischwurst und manchmal auch für uns große Kinder.
Die sozialen Kontakte pflegte man zu dieser Zeit abwechselnd in den zwei Gaststätten oder beim Tanzen in Scheerers Saal. Gerne spielte mein Vater Skat. Manchmal durfte ich mit. Für mich hatte jede Gaststätte etwas Besonderes. Im Schwanen gab es guten Hackbraten und bei Winters gab es die ersten Pommes. Allerhand gab es da für mich zu hören, was ich dann zu Hause stolz berichten konnte. Es soll nur noch Einer sagen, nur wir Frauen beherrschen die Kunst des Tratschens. Erwachsene vergessen doch leicht, wie hellhörig Kinder trotz Pommes und Bluna sind. Eine Gaststätte gibt es in Mettenheim nicht mehr, doch für einige Monate im Jahr eine Straußwirtschaft. Scheerers Sall war für mich der Inbegriff für Spaß, Tanz und wie man im modernen Zeitalter sagt, für Action. Gerne erinnere ich mich an die Faschings- oder Festveranstaltungen des Turnvereins. Heute wird der Saal nur noch privat genutzt.
Die Schreinereien Best und Schöfer gibt es immer noch. Die Küferei Grümmer hat durch die neuen Abfüllanlagen weniger Arbeit und das Malerfachgeschäft Weißbach streicht und tapeziert in der zweiten Generation munter weiter. Den Frisör Jung mit seinem super Dippscheschnitt (Topfschnitt) gibt es nicht mehr. Dafür aber zwei kleine aber feine Haarstudios. Auch ist in zwischen für das Wohlfühlen der Füße und dem Körper bestens gesorgt. Die kleine Gärtnerei steht nicht mehr. Braucht man Blumen oder ein ausgefallenes Geschenk, geht man in die Blumenstube Eisele. Unser Elektriker Hofmann befindet sich im Ruhestand und die Schlosserei Keil existiert immer noch in der dritten Generation.
 
Ab dem Jahr 1963 besuchte ich vier Jahre unsere Grundschule in Mettenheim. Es war eine schöne Zeit. Die Schule fiel mir leicht und ich lernte meinen besten Freund Hubert kennen. Unsere Freundschaft hält nun schon vierzig Jahre. An unsere Schule grenzten der Garten von Familie Radu und der Spielhof unseres Kindergartens. Wir Kinder durften in den Pausen immer vom reifen Obst naschen. Die Grundschule ist heute unser Kindergarten und Büchermaus und der wunderschöne Garten der Kinderspielplatz. Wegen Einsturzgefahr musste der alte Kindergarten schon vor langer Zeit abgerissen werden. An dessen Stelle steht unser Feuerwehrhaus. Beliebter Treffpunkt damals wie heute war unser Bahnhof. Vorteil des alten Bahnhofs gegenüber dem Neuen ist klar zu erkennen. Bei Kälte konnte man sich in unsere Jugend wunderbar gegenseitig wärmen. Ja, manchmal ist das Neue nicht das Beste!
Obwohl sich Mettenheim in den letzten Jahren sehr verändert hat, möchte ich nirgends woanders leben. Ich kenne die Menschen und ihre Eigenarten. Mettenheim ist meine Heimat!
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